Es folgt ein Reisebericht.
Da wir durchaus spontane und von Grund auf unkomplizierte Menschen sind, die beim Thema Planung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, haben wir uns gedacht, Mensch, lass uns einfach einen Flug buchen und dann ist gut, der Rest findet sich dann vor Ort! Ich persönlich war ja schon mal in London und dachte mir, hach, das wird super, Hotels wie Sand am Meer jede Menge zu sehen, dit wird jut!
So starten wir also, ohne Plan, ohne Stadtkarte, ohne eine reservierte Unterkunft.
Aber glücklich.
Samstag, 17.07.2010, Ortszeit 08:00 Uhr
Wir betreten den Flughafen in Lübeck und sind zunächst überrascht. Denn das Wort Terminal und Flughafen mit diesem „Ort“ in Verbindung zu bringen fällt dem aufmerksamen Betrachter auf den ersten und auch den zweiten Blick eher schwer. Dieser erste Eindruck bessert sich nicht als Passagierlisten in Papierform mit grünem Textmarker der Marke Pelikan abgestrichen werden und wir durch die Sicherheitskontrolle laufen. Weit und breit keine digitalen Anzeigetafeln.
Ich bin nun offiziell verwirrt als wir das „Terminal“ betreten und uns zum Boarding bereit machen. Ich stehe tatsächlich in einem Zelt. Groß, mit Stahlträgern und Glastüren, aber dennoch ganz eindeutig ein Zelt. Ich rede mir ein, dass das sicher nur eine Übergangslösung ist, bis der Flughafen fertig ist und glaube ganz fest daran, dass dieser Zustand in keinster Weise in Assoziation zu den Flugzeugen geschweige denn dem Können des Piloten gebracht werden sollte. Ich bleibe ruhig. Und, ja, ich habe Flugangst.
So, eine Tür wird geöffnet wir dürfen über den Start- und Landeplatz zum Flugzeug gehen. Ich sitze drin, mein Puls: nicht messbar, würde am liebsten fliehen, reiße mich zusammen und starre einfach geradeaus vor mich hin, das würde helfen wenn dort nicht die Anweisungen hingen, die mir erklären was im Falle eines Absturzes zu tun sei. Beatmungsmasken, Rettungswesten… Wilde Szenarien von abbrechenden Tragflächen und brennenden Turbinen hämmern sich in meinen Schädel… Und dann noch dieser Satz: „In dem äußerst unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes…“ AAHHHHH. Jemand hält meine Hand und lächelt mich an, langsam kann ich mich beruhigen… Und um die Spannung vorweg zu nehmen: Ja, ich habe überlebt!
London, Ortszeit 10:00 Uhr
Wir sind gelandet!
Die Sonne lacht, der Flughafen Stansted sieht auch aus wie ein Flughafen, Gepäck ist auch da und ich habe überlebt! Läuft also.
Und nun nahm unser Schicksal seinen Lauf. Wir haben erstmal die super Idee uns einen Mietwagen zu besorgen, links fahren ist bestimmt witzig! Na klar, Schatz, bestimmt sogar.
Also, ab geht’s, natürlich gab es keine Kleinwagen mehr, egal, war hat der kann. Aufgeregt und ungeduldig nahmen wir unseren Vauxhall Insignia entgegen. Wie bereits erwähnt hatten wir weder Karte noch einen Plan. Wir kommen schon zurecht. Datenroaming hin oder her, wird schon alles ausgeschildert sein. Also los – Möge die Macht mit uns sein. Und wenn nicht , möge Google mit uns sein.
In der City angekommen, alles kein Problem. Nur etwas eng und, naja, alles auf der falschen Seite, irgendwie. Aber ich muss ja nicht fahren.
Zu erst wollen wir uns die Tower Bridge ansehen, von dort kommt man ja auch zu Fuß ganz super überall hin. Ein Katzensprung. Parkplatz? Is hier nicht so mit Parkplätzen, aber hey, wir sind aus Berlin, damit können wir umgehen. Gesagt, getan! Wir finden uns wieder im Wedding von London. Als wir uns auf in Richtung Themse machen, fragen wir uns pausenlos ob hier wirklich jemand wohnt?! Man kennt ja die typisch britischen Reihenhäuser, die an sich schon sehr, sagen wir, minimalistisch gebaut sind. Und nun stellt euch diese Häuser einfach nochmal eine Nummer kleiner vor, wir sind quasi im Auenland, nur dass es hier keine Hobbits gibt und es weniger schön aussieht. Erschrocken von diesen Anblicken und zugleich fasziniert erreichen wir unser Ziel! Natürlich haben wir typisch britisches Wetter: grau und windig. Macht nix, wir sind in London und stolz drauf! Erstmal frühstücken, ich entscheide mich für typisch europäisch – Sandwich. Meine bessere Hälfte will das volle Great Britain-Programm und nimmt Toast, Bohnen, Bacon und Spiegelei. Gesund ist anders.
Beim Spazieren über die Tower Bridge in Richtung London Tower, fällt auf dass wir leider nicht die einzigen Menschen waren, die die super Idee hatten übers Wochenende nach London zu jetten. Naja nachdem wir uns durch alle Nationen der Welt unseren Weg gebahnt haben stehen wir vor dem London Tower und stellen fest, dass die Brücke dazu doch beeindruckender ist, als dieser alte Flachbau.
Beim Blick über die Themse bleibt man dann aber doch erstmal ehrfürchtig stehen, London ist eine grandiose Mischung aus wunderschönen alten und hochmodernen Gebäuden. Abgesehen von unserem Parkplatz in Klein-Wedding, ist hier alles einfach schön, sogar die Straßenschilder. Wundervoll.
Weiter geht’s zur St. Pauls Cathedral, da gibt’s nämlich einen Info-Stand mit kostenlosen Stadtkarten, denn so langsam wollen auch die Planlosen einen Plan haben. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf die „Pudding Lane“ – mmmhhh lecker, die verrückten Briten, in Good Old Germany würde niemand auf die Idee kommen eine Straße „Pudding Straße“ zu nennen, das wäre viel zu albern, doch die Briten haben halt Eier, die ziehen das durch.
Nachdem wir uns nun ein Bild vom großen Ganzen gemacht haben und wissen wohin wir noch wollen und was wir lieber auf den nächsten Tag verschieben, machen wir uns auf nach Southwark. Da gibt’s eine Underground Station, denn den ganzen Weg zurück zum Auto laufen will niemand mehr. Angekommen wird’s erstmal schwierig die richtige Karte zu kaufen, nach vielem Hin und Her bezahlen wir für eine Einzelfahrt über 2 Stationen 8 Pfund für 2 Personen. Jetzt können wir uns auch erklären warum es hier so leer ist.
Wir haben tatsächlich unser Auto wiedergefunden und es ist weder abgebrannt, noch hat man uns die Reifen gestohlen. Jetzt freuen wir uns auf unser Hotel, ach ja, da war ja was, erstmal müssen wir eins finden. Los geht’s in Richtung: Hydepark, da ist es sicher schön. Dort angekommen überdenken wir unsere Hotelwahl noch einmal und entscheiden uns etwas aus der Stadt rauszufahren. Denn, in keines der Hotels dort hätte man mich überhaupt über die Schwelle treten lassen, roter Teppich, Türsteher in teuren Anzügen und ganz wahrscheinlich unbezahlbar.
So fuhren wir quer durch die City - war ne ganz blöde Idee. In London gibt es glaube ich mehr Straßen als Ratten und mehr Autos als Einwohner. Nach ungefähr 3 Stunden haben wir es endlich geschafft aus dem Zentrum rauszukommen und uns in Richtung Norden zu begeben. Blöd war jetzt nur, dass unser toller kostenloser Stadtplan nur für „Central London“ gedacht war. Ab jetzt waren wir auf uns gestellt. Nun war Google an der Reihe uns zu sagen wo wir waren und wo es hingehen sollte. Hach und wie gut das funktionierte. Dennoch weit und breit kein Hotel in Sicht. So langsam war die Stimmung etwas angespannt. Und dann kam auch noch eine SMS von T-Mobile: Die Kosten für Datenroaming haben 20 € überschritten. Na super! Tschüss Google, Tschüss Orientierung. Am Rande der Verzweiflung hielten wir an einer Tankstelle, da gab´s dann erstmal einen Stadtplan, von GANZ London. Und ich hab mich fürs Team geopfert und den Tankwart erstmal gefragt wo wir überhaupt sind und wo ein Hotel ist. Immer geradeaus und dann rechts, na das klingt leicht. Denkste. Nach einer halben Stunde waren wir wieder an besagter Tankstelle. So, jetzt reicht´s, inzwischen sind fast 4 Stunden vergangen, wir haben Hunger, Durst, sind müde und genervt und immer noch kein Hotel in Sicht. Scheiß auf Datenroaming über 20 €, einmal noch eine Hotelsuche starten. Los geht’s, das nächste Hotel war nur wenige Kilometer entfernt und die hatten genau noch ein Zimmer frei. Hart Gas in Richtung Regents Park Street.
Ein Dank geht an dieser Stelle an unseren neuen Begleiter und treuen Freund, dem Stadtplan.
Holiday Day Inn Ortszeit 21:30
Wir sind endlich in einem Hotelzimmer, Betten, Dusche alles da!
Jetzt muss nur noch das letzte Problem für diesen Tag gelöst werden. Essen. Das einzige brauchbare in der Nähe: KFC. Das ist in Great Britain noch ekliger als bei uns. Hier werden die Hühner einfach in 4 Teile gehackt, frittiert und in einen Eimer mit widerlichen Pommes geschmissen. Keiner weiß wirklich was er da isst. Deswegen steht auch auf den Speisekarten nur „pieces“ (Teile) weil nicht mal die Mitarbeiter dort wissen welches Teil vom Huhn da verspeist wird.
Tag 2:
Erholt, einigermaßen ausgeschlafen und zuversichtlich. Denn für heute haben wir einen richtigen Plan. Wir stellen das Auto an einer Underground Station etwas außerhalb der City ab und fahren dann mit den guten alten Öffentlichen! Also der Fahr-Stress wäre schon mal erledigt.
Im Hyde Park angekommen wollen wir uns von dort aus nach Covent Garden durchschlagen, schließlich wollen wir den Ort sehen an dem Dorian Grey gewohnt hat.
Wir haben wunderschönes Wetter und sind guter Dinge. Hier ist es wirklich unglaublich schön und entspannt. Sowas nenne ich mal einen Park! Sorry, Berlin(ick liebe dir trotzdem), aber das haben die Briten drauf. Man hat das Gefühl das hier alles nur so von Denkmälern und architektonischen Meisterwerken strotzt. Beim Anblick des Albert Memorial stockt einem kurz der Atem, der Typ muss ein ganz Großer gewesen sein. Ach ja, der geliebte Ehemann von Königin Victoria. Sorry Baby, ich muss wohl erst Königin werden um dir auch so etwas Schönes zu bauen. Wird wohl vorerst nichts. Aber verdient hättest du es.
Raus aus dem schönsten Park der Welt und direkt zum Buckingham Palace. Der Weg dorthin ist wie gewohnt anmutig und gesäumt von Denkmälern.
Und nun geht’s auf zum London Eye. Ich sollte erwähnen dass ich Höhenangst habe, egal, ich hab versprochen dass ich das mitmache. Vom weiten sieht´s auch gar nicht schlimm aus. Ich bin schließlich hierher geflogen, also wird das ja wohl ein Kinderspiel.
War blöd merkste selbst, ne?! Das Teil ist wirklich unglaublich hoch und ich denke natürlich sofort an James Bond und abfallende Kabinen. Nun gut ich entschließe mich das jetzt durchzuziehen. „Leider“ warten geschätzte 2 Millionen Menschen davor und wir verschieben das auf den nächsten London Trip. Dafür besuchen wir das Londoner Film Museum. Wirklich sehenswert. Original Kleidung von Batman, Fantastic Four und alles was das Herz begehrt. Sogar eine Star Wars Abteilung! Was will man mehr?! Überraschend witzig war auch die Comic Galerie. Dort kann man Spongebob als Ölgemälde in den verschiedensten Variationen sehen, als Van Gogh, als Picasso und natürlich Leonardo Da Vincis „Der vitruvianische Mensch“.
Da beide Handys den Geist aufgegeben haben wissen wir nicht wie spät es ist und ich blamiere mich ganz furchtbar als ich jemanden nach der Uhrzeit frage und der mich nur auslacht und meint ich solle doch die große Uhr dort drüben am anderen Ufer nehmen , der Big Ben, direkt vor mir! Ja, ja, witzig, der blöde Touri, naja wenigstens hab ich die Briten zum Lachen gebracht.
Einer meiner Lieblingsplätze fehlt noch: Trafalgar Square. So lassen wir uns also von einer Fahrrad-Rikscha dorthin chauffieren, für 15 Pfund, egal Faulheit siegt.
Am Trafalgar Square erwartet uns eine große Kundgebung mit tausenden Leuten, die gegen Apartheid in Zypern demonstrieren. Auch schön, wir setzen uns vor die National Gallery und lauschen der Menge. Der Sprecher trägt Anzug und auch die Demonstranten sehen alle friedlich aus, zünden keine Autos an oder prügeln aufeinander ein. Polizisten sind weit und breit nicht zu sehen. Beeindruckend.
Zum Abschluss dieses schönen Tages besuchen wir die National Gallery, der Eintritt ist frei. Ich bin glücklich und zufrieden diese wunderbare Kunstsammlung bestaunen zu können.
So und nun folgt der letzte Akt. Eine Underground Station finden, zurück zum Auto fahren und noch einmal ein Hotel finden. Nach 8 Stunden auf den Beinen wollen wir einfach nur noch in ein Bett. Meine Füße spüre ich inzwischen nicht mehr. Egal das einzige was zählt ist die Mission. Und natürlich gibt es in der U-Bahn keine Sitzplätze mehr, naja die halbe Stunde werden mich meine Füße auch noch tragen. Endlich am Auto machen wir uns, clever wie wir sind, gleich auf in Richtung Flughafen in der Annahme dort ein Hotel zu finden. Am nächsten Morgen geht der Flug schließlich schon um 6:50 Uhr und wir müssen vorher noch den Mietwagen abgeben, von viel Schlaf kann also nicht die Rede sein. Und diesmal haben wir Glück, der Flughafen ist super ausgeschildert, Hotels gibt es auch in Stansted, alles wird gut.
Nach 4 Stunden Schlaf machen wir uns auf zum Terminal, ein Katzensprung, und fliegen zurück nach Hause. Völlig fertig aber dennoch glücklich.
Fazit: Wer entspannt nach London reisen will sollte folgendes nicht tun:
Erst dort ein Hotel suchen
Einen Mietwagen nehmen
Bei KFC essen
Somit spart man eine Menge Zeit, die man viel sinnvoller für all die tollen Orte in London verwenden kann. Ein Abenteuer war es allemal und wenn man Humor hat kann man auch 5 Stunden planlos und völlig verloren in einer fremden Stadt überleben.
